Netzkarte ist Sten Nadolnys früher, hinreißend leichthändiger Roman um den Taugenichts Ole Reuter, einen jungen Mann, der getrieben von romantischen Sehnsüchten mit der Bahn quer durch Deutschland reist. Es geht ihm dabei weniger um rasante Streckenbewältigung, sondern um Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen.

Reuter ist kein Kind von Traurigkeit und geht dabei absolut offen ans Werk – und schon bald erfährt er die sinnlichen Momente des Reisens. Das mag sich dem Alltagspendler zwischen Tostedt und Bremen nicht erschließen – Nadolnys Reuter jedoch nimmt man dies ab. Zudem schildert er diese Vorgänge mit dezenter Ironie ohne jeden Voyeurismus.


Aber Reuter erlebt ja noch mehr – er begegnet der Einsamkeit entlegener Endbahnhöfe.
 Er sitzt markanten Gesichtern oder pittoresken Typen in ländlichen Gasthöfen gegenüber. Und immer wieder laufen ihm Frauen über den Weg, die ganz offensichtlich einen Narren an ihm gefressen haben.


All dies sind keine sensationellen Erlebnisse – und doch besitzt Nadolnys Prosa eine derart glühende Leuchtkraft, dass der Hörer keine Chance hat, das Buch aus der Hand zu legen. Ein unspektakuläres, aber ungeheuer dicht gezeichnetes Zeitbild.

Und es kommt noch besser. Seine Fußwanderung von „Bayern nach Übersee“ – es handelt sich um zwei Dörfer in der Nähe des Chiemsees in Bayern – gerät unversehens zu einer Auseinandersetzung mit Trauer über seinen jüngst verstorbenen Vater. Und hier vermischen sich Landschaftsschilderungen mit persönlichen Erinnerungen zu einer pulsierenden Schmerzlandschaft.